Kunst ist Vision

Sikrit Berger

Ode an die Dunkelheit

Die Zeit der Aufklärung, das Licht der Vernunft, das ist nur eine Seite der Medaille. Nicht nur das Licht ist erstrebenswert, ist heilsam, die Quelle der Kraft, was uns so viele Lehrer, Berater oder selbsternannte Gurus weismachen wollen. Die andere Seite der Münze ist der Schatten, all die Seiten in uns, die nicht perfekt sind, ungeliebt und verdrängt.

Unsere heutige materialistische technokratische Welt hat den Menschen beschnitten, hat ihn immer weiter reduziert auf die Werte, Fähigkeiten und Gefühle, die nützlich, effizient und verwertbar sind.

Oh süße Sehnsucht, die uns aus der Dunkelheit ruft, diese dunklen Seiten in uns, die seit Jahrtausenden Kultur und Kunst inspiriert und beflügelt haben. Trauer, Melancholie, Hass, Getriebenheit, rastlose Sehnsucht nach dem Unsagbaren, dem nur Gefühlten… das alles sind heute lediglich Symptome psychischer Störungen. Sie verhindern, dass wir perfekt „funktionieren“. Man suggeriert uns, dass ein gesunder Mensch das alles nicht hat, keinen dieser dunklen Räume in seiner Seele.

Da stimmt etwas nicht und wer sich der Medienflut und Beeinflussung entzieht, wer zur Ruhe kommt inmitten unserer hyperaktiven Welt, der spürt es deutlich. Nicht die Menschen bekommen ADHS, sondern die Systeme in denen wir leben, leiden daran.

Es wird die Angst geschürt vor künstlicher Intelligenz, vor Robotern, die als überwachende Instanz eine Bedrohung oder sogar unsere Vernichtung sein könnten.

Absurd ist, dass seit Jahrzehnten eine Entwicklung im Gange ist, die viel grauenhafter ist, denn es wird erkennbar, dass die Menschen in unserer industrialisierten Welt sich mehr und mehr in eine Art Roboterwesen verwandeln sollen. Sie sollen funktionieren nach Gesichtspunkten der Effizienz und sich mehr oder weniger klaglos den vorgegebenen Forderungen fügen, konditioniert wie Ratten im Versuchslabor. Anpassung bis zur eigenen emotionalen und geistigen Verstümmelung als oberster Grundsatz. Jeder ist austauschbar geworden, und der Wert eines Menschen lässt sich sogar wie der Wert von Ersatzteilen beziffern.

Die dunklen unbeherrschbaren Seiten in der menschlichen Psyche, das Wilde, Unzivilisierte, die Sehnsucht nach mehr, nach Tiefe, nach Bedeutung als Einzelwesen, für die gibt es nur das Ausleben in Spielen oder Filmen. Im Alltag hat das alles keinen Platz mehr.

Was wir heute bekommen, wenn wir uns nicht wehren, das ist der psychisch amputierte Mensch, der ein Roboter sein könnte, wenn er denn nicht einen solch verletzlichen störungsanfälligen Körper hätte. Ein verführerisches Geschäftsmodell für die Gesundheits-(Krankheits) Industrie.

In den dunklen Zeiten unserer Geschichte gab es bei all den schlimmen Facetten doch immer die Möglichkeit, in die Kunst und Wissenschaft (damals nannte man sie noch Alchimie) fliehen zu können, es gab Dichter, Komponisten, Maler, die Werke der Ewigkeit geschaffen haben, weil sie den Schatten miteinbezogen haben, die Dunkelheit erforscht haben.

Jetzt ist eine Wüste und Leere entstanden, in der nur Hektik, Konkurrenzkampf und Arroganz noch existiert und das Wort Kreativität als Marketing-Begriff den Todesstoß bekommen hat. Kunst und Wissenschaft wird nur akzeptiert, wenn sie „profitabel“ ist, wenn der Künstler gleichzeitig marketing-und betriebswirtschaftliche Kompetenzen aufweist und Selbstausbeutung im großen Maßstab betreibt. Da verdorrt die Seele, da blüht nicht die Kultur sondern nur der BurnOut und Armut.

Erobern wir uns die Dunkelheit wieder zurück, suchen wir wie die großen Dichter und Forscher der Vergangenheit nach dem Unfassbaren, dem Unerklärlichen, Geheimnisvollen.

Und als Refugium mag die Dunkelheit uns aufnehmen wie ein warmer schützender Kokon.

Ist die Angst erst überwunden, die uns andere eingeredet haben, kann aus den Schatten neue Erleuchtung und schöpferische Kraft wachsen.

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